Revolutionen und ihre Übersetzer

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2014/10/31 • Deutsch, Russland

Maidan, der Konflikt in der Ukraine und die russische Neue Linke

von Alexej Jurtschak in Cultural Anthropology

Titelbild: Eine Frau trägt bei einem Friedensmarsch in Sankt Petersburg am 21. September 2014 ein Stirnband mit der russischen und ukrainischen Flagge, Foto von Alexej Jurtschak.

Die meisten Berichte über den Konflikt in der Ukraine geben die aus dem Kalten Krieg bekannte binäre Sichtweise wieder. Für die von der russischen Regierung kontrollierten Fernsehsender war der Maidan (die ukrainische Revolution im Winter 2013-2014) ein faschistischer Putsch, der die legitime Regierung mit US-imperialistischer Unterstützung stürzte. Für die liberalen Medien im Westen, in der Ukraine und in Russland war der Maidan ein demokratischer Aufstand des Volks gegen ein autoritäres Regime, das in der sowjetischen Vergangenheit verwurzelt war. Beide Darstellungen erheben den Anspruch, auf realen Fakten zu beruhen, und beide verdecken vieles in der realen Situation.

Ist eine andere Sicht möglich? Eine konstruktive Perspektive wurde von russischen “progressiven Linken” formuliert – politischen Aktivisten, Philosophen, Historikern und Künstlern, die gegen das politische Regime Russlands in der Opposition stehen und organische Verbündete des Maidan sind. Die folgende vereinfachte Version der linken Perspektive kann nicht der gesamten Bandbreite der verschiedenen Ansichten und Meinungsverschiedenheiten der Bewegung gerecht werden, geschweige denn der Komplexität der Situation in der Ukraine. Aber sie kann einige Paradoxien hervorheben, die viele Darstellungen verschweigen.

Als Teil der russischen politischen Opposition gehört die progressive Linke, die kurz auch “Neue Linke” genannt wird,  zu den politisch aktiven und analytisch anspruchsvollen Bewegungen (wenn auch deutlich kleiner als die liberalen Oppositionsbewegungen). Die Bezeichnung “Neue Linke” verweist auf die postsowjetische politische Genealogie der Bewegung, die sie von solchen “alten linken” Parteien wie der proto-stalinistischen Kommunistischen Partei (KPRF) und der links-rechten Nationalbolschewistischen Partei (NBP) unterscheidet, deren Ideologien aus einer merkwürdigen Mischung aus Marxismus-Leninismus und russischem Nationalismus bestehen. Im Gegensatz zu ihnen sind die “Neuen Linken” genealogisch mit dem westlichen Marxismus und den Nach-1960er progressiven Bewegungen verknüpft. Sie würden auf amerikanischen Universitäten und auf den Seiten der New Left Review als progressive Intellektuelle anerkannt werden. wenig überraschend haben sich die meisten von ihnen, im Gegensatz zu KPRF und NBP, gegen die Eimischung des Kreml in der Ukraine entschieden.

Im Februar 2014 veröffentlichte ein Kollektiv von “neuen linken” Künstlern und Philosophen aus Sankt Petersburg und Moskau unter dem Namen «Что Делать»? (“Was tun?”) einen Offenen Brief an die Organisatoren der internationalen Kunstbiennale “Manifesta 10”, die planmäßig von Juni bis Oktober 2014 in Sankt Petersburg stattfindet. “Was tun?” forderte die Absage der Manifesta-Biennale aus Protest gegen die Intervention Russlands auf der Krim: “Die Regierung unseres Landes beging eine schändliche Tat. Sicherlich haben sie auch schon vorher schändliche Dinge getan, aber was heute geschieht, ist so ungeheuerlich, dass ein business as usual  nicht mehr gerechtfertigt ist.” Die internationalen Organisatoren von Manifesta weigerten sich, es abzusagen und “Was tun?” zog ihre Teilnahmezusage aus Protest zurück.

Trotz ihrer Verurteilung der Intervention Russlands widerssprachen diese Aktivisten auch der dominierenden Interpretation der ukrainischen Revolution, wie sie von westlichen Medien und der russischen liberalen Opposition angeboten wird. Für den Künstler Dmitrij Wilenskij war der Maidan eine Quelle der Hoffnung und Ernüchterung. Was er erlebte, war eine “Lektion in Bürgermobilisierung” und andererseits auch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie demokratische Werte durch ultranationalistische ersetzt werden können. Dies geschah “auch auf der Ebene des Klein-klein” [Anm. d. Übers.: im Original: Mikro-Praxis], wobei die Rechtsextremen sich die unschätzbaren Elemente der progressiven Politik, die auf dem Maidan aufkamen, nämlich “Selbstorganisation, Solidarität, Mut und gegenseitige Hilfe” angeeignet  haben.

Der Historiker und Aktivist Ilja Budraitskis zog im Januar 2014 nach Kyiw. Er beobachtete das Entstehen einer “bemerkenswerten Revolution”, als Tausende von normalen Bürgern, die “Entschlossenheit und einen demokratischen Instinkt” teilten, zu einer vereinten, beispiellosen, gut organisierten, bewaffneten Opposition wurden. Aber er war auch Zeuge einer Art politischer Inversion – die “führende und am besten organisierte Kraft des demokratischen Maidan, die der Mehrheit der Demonstranten geholfen hat, ihren verbliebenen Respekt für den Staat und die Polizei aufzugeben”, war in sich “grundlegend antidemokratisch.” In Bezug auf Infrastrukturen war der Maidan ein “Musterbeispiel eines Aufstand einer ganzen Stadt … und atmete wirklich revolutionäres Bewusstsein.” Aber der Aufstand wurde auch von ungewohnten Abzeichen überdeckt: “endlose keltische Kreuze und [Nazi-] Runen an den Wänden, … eine kaleidoskopische Agitation von allerlei ultrarechten Partei und Sekten … jede mit ihrem eigenen Zelt, Verteilung von Schriften, Organisation von Vorträgen und Filmvorführungen “über ultranationalistische Helden”. Es war alles politisch sehr aktiv, gut organisiert und extrem rechts.”

Versuche, eine demokratische Revolution in eine ultra-nationalistische Agenda zu entführen, sind nichts einzigartig, und so etwas gab es nicht nur in der Ukraine. Wir haben sie seit dem Fall der kommunistischen Staaten in Osteuropa erlebt. Als Beispiel lassen sich die anhaltenden Bemühungen aufzählen, die kommunistische Vergangenheit mit dem Faschismus gleichzusetzen. Während einige nach langen Jahren der sowjetischen Herrschaft diese Gleichsetzung als “nachvollziehbar” beschreiben, liegt das Problem darin, dass es heimlich den Faschismus privilegiert, wie Slavoj Žižek argumentiert. Man hört, dass eine Form des Faschismus, wie er in Osteuropa existierte, “eine gerechtfertigte Reaktion auf die kommunistische Gefahr” war. Im heutigen Slowenien befürwortet “die Rechte die Rehabilitierung der antikommunistischen Heimwehr (Slovensko domobranstvo), die während des 2. Weltkriegs die Partisanen bekämpfte” weil sie “die schwierige Wahl trafen, mit den Nazis zu kollaborieren, um das viel größere Übel des Kommunismus zu vereiteln.” Eine nationalistische Rhetorik, die die Geschichte der lokalen faschistischen Brigaden als antikommunistische “Widerstandskämpfer” neu interpretiert, zirkuliert heute in vielen Teilen Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion, einschließlich der baltischen Staaten, Russlands und der Ukraine.

Russlands “Neue Linke” bewegt sich auf einem schmalen Pfad. Für sie ist eine einfache Kritik an der rechtsextremen Dominanz auf dem Maidan problematisch, weil sie die demokratische Dynamik der Revolution ignoriert und der Anti-Maidan-Propaganda der russischen Regierung in die Hände spielt. Allerdings bedeutet die Weigerung, sich der Ultra-Rechten zu widersetzen, “wie die meisten russischen und westlichen Liberalen das so tun, da dies alles eine Erfindung von Putins Fernsehen sei,” gleichzeitig eine Unterstützung des nationalistischen Diebstahls einer demokratischen Revolution. Beide Positionen sind ethisch und politisch unhaltbar. Das gleiche Dilemma wird bei der Situation im Donbas wiederholt. Wie Budraitskis es ausdrückt: “Wenn einerseits… die Analyse der Situation im Donbas die Tatsache der russischen direkten Einmischung und um was geht komplett ignoriert und sie einfach als ‘Bürgerkrieg’ beschreibt, in dem die Regierung der Oligarchen aus Kyiw gegen das eigene Volk kämpft, und in dem anderen Fall  im Gegenteil alles auf Russlands verdeckte Intervention reduziert wird und alle vorliegenden objektiven Elemente des internen Konflikts konsequent ignoriert werden – dann stehen wir einem  weiteren gerissenen Trick gegenüber”.

Zu den “objektiven Elementen” dieses Konflikts gehört der postsowjetische Chauvinismus, der von außen gegen die überwiegend russischsprachigen Menschen im Donbas gerichtet ist. Wie real dieser Chauvinismus ist und welche Folgen er hat, war Gegenstand vieler Debatten. Der ukrainische Historiker Andryj Portnow sieht seine Reflexion im nationalistischen Diskurs der intellektuellen Kreise in der West- und Zentralukraine. Dieser Diskurs, den Portnow den “galizischen [westukrainischen] Reduktionismus” nennt, stellt die Menschen im Donbas als rückständig und “hoffnungslos sowjetisiert” dar, und er argumentiert, dass die Ukraine nur dann erfolgreich sein wird, wenn sie sich davon befreit oder sie bis zur Unkenntlichkeit verändert. Die Ironie dabei ist, dass diese nationalistische Rhetorik die Verantwortung für die aktuelle dramatische Situation im Donbas von den historischen Ungleichheiten, politischen Eliten, oder der externen Intervention verschiebt “auf die Bevölkerung der Region, die im Einklang mit der putinistischen Propaganda steht, welche der Welt einzureden versucht, die Ukraine sei gar kein richtiges Land sondern das zufällige Ergebnis des Zusammenbruchs der Sowjetunion und darüber hinaus ein tief gespalten es Land.”

Alle anderen Seiten setzen ebenfalls auf den extremen Reduktionismus zu. Zum Beispiel wird der Begriff “Faschismus” häufig verwendet, um einen Gegner in diesem Konflikt zu beschreiben. Weil der Faschismus mit dem absolut Bösen assoziiert wird, schließt dieser Begriff auf radikale Weise Ausarbeitungen und Diskussionen von vornherein aus und präsentiert die Welt als unkompliziert, und deswegen sei es einfach, Partei zu ergreifen. Und genau deshalb verwenden die vom Kreml gelenkten Medien dies so genüsslich. Allerdings wird die gleiche Taktik häufig auch von den US-amerikanischen und westeuropäischen Mainstream-Medien eingesetzt, wenn sie Russlands Vorgehen in der Ukraine mit dem Nazi-Deutschlands und Putin mit Hitler vergleichen.

Auf dem Banner steht "Gemeinsam gegen den Krieg" - russische und ukrainische Flaggen, Moskau, 21. September 2014. Foto: E. Razumnyi / Wedomosti.

Auf dem Banner steht “Gemeinsam gegen den Krieg” – russische und ukrainische Flaggen, Moskau, 21. September 2014. Foto: E. Razumnyi / Wedomosti.

Der einzige politisch gangbare und moralisch gerechtfertigte Position in diesem Konflikt, so argumentieren die “Neuen Linken”, ist die Verweigerung aller binären Darstellungen zugunsten einer kritischen dritten Position. Man sollte dabei bleiben, dass unter den derzeitigen Umständen keine Seite in dem Konflikt “unsere” ist und dass das Hauptziel darin besteht, den verheerenden Krieg im Osten zu beenden. Gleichzeitig sollte man nicht vergessen, dass es die Ukraine ist, und nicht Russland, die Opfer einer verdeckten ausländischen Aggression wurde, weshalb Anti-Kriegs-Aktionen gegen den ukrainischen und und den russischen Staat gerichtet sein sollten und darüber hinaus auch eine eindeutige Anti-Putin-Aussage enthalten sollten. Ebenso wichtig ist es, das demokratische Potenzial des Maidan zu unterstützen, während der Ultranationalismus kritisiert werde sollte, der sich in Zusammenhang mit ihm ausgebreitet hat. “Die russische Antikriegsbewegung, die sich gegen ihre Regierung stellt, kann nur dann wirklich ehrlich und wirksam sein,” argumentiert Budraitskis, “wenn sie sich einer ähnlichen Bewegung in der Ukraine anschließt. … In Moskau und Kyiw müssen wir immer wieder das staatliche Monopol der Vertretung ‘die Nation’ in Frage stellen.”

Alexej Jurtschak ist Professor für Anthropologie an der University of California, Berkeley.

Autor: Alexej Jurtschak

Quelle: Cultural Anthropology

Übersetzung: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

Titelbild: Eine Frau trägt bei einem Friedensmarsch in Sankt Petersburg 21. September 2014 ein Stirnband mit der russischen und ukrainischen Flagge, Foto von Alexej Jurtschak.

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