Eine Woche nach der Befreiung: Slowjansk erholt sich langsam

2014/07/12 • Deutsch

12. Juli 2014, von Oksana Grytsenko, Kyiv Post (Übersetzung)

Einwohner erhalten am 9. Juli humanitäre Hilfe im Zentrum von Slowjansk Foto: Anastasia Vlasova, Kyiv Post

Slowjansk, Ukraine – Dutzende von meist älteren Bewohnern von Slowjansk stehen schweigend mit leeren Flaschen an und warten darauf, sie mit Milch gefüllt zu bekommen, die in einem LKW der Regierung in diese vom Krieg zerrissene Stadt geschickt wurde. Sie sehen müde und nervös aus und beschimpfen die Fotografin, als sie ein Foto von der Szene aufnehmen wollte: “Fotografieren Sie dieses menschliche Elend nicht!”

“Bitte versuchen Sie, sie zu verstehen, sie haben hier so viel erlitten”, sagt der 22-jährige Igor Piwzojkin, ein Freiwilliger, der die Milch aus der Charkiwer Oblast hergebracht hat.

Als ein Dutzend gepanzerte Fahrzeuge auf der Straße vorbeifährt, kommt die Menge zum Schweigen und wirft finstere Blicke auf sie.

Die Bewohner dieser ostukrainischen Stadt, die fast drei Monaten lang unter der Kontrolle der pro-russischen Rebellen war, sind immer noch in tiefem Schock nach dem wahllosen Beschuss von beiden Seiten, durch den viele Gebäude der Stadt zerstört wurden. Die Aufständischen haben ihre Stellungen in der Stadt am 5. Juli verlassen und sind in die Hauptstadt der Region Donezk ausgewichen.

In Slowjansk gibt es noch kein fließendes Wasser, und der Strom funktioniert nur in einigen Stadtvierteln wieder. Viele der Stadtbewohner laden ihre Handys an einer Ladestation im Zentrum auf dem Lenin-Platz, wo sie die neuesten Nachrichten austauschen oder humanitäre Hilfe abholen können.

“Als unsere Armee am 5. Juli in die Stadt kam, war das für uns wie ein Tag des Sieges”, sagte Karolina Akimowa, 18. Das Mädchen erinnert sich, wie sie mit ihrer Mutter zur Begrüßung der  ukrainischen Armee bei deren Einfahrt in Slowjansk am 5. Juli auf den Platz kam.

Nachdem sie sich monatelang aus Angst vor Repressalien von den Aufständischen versteckt halten mussten, kommen die pro-ukrainischen Aktivisten jetzt aus ihren Häusern heraus und bringen wieder offen ihre Meinung zum Ausdruck. Sie freuen sich, frei ihre Meinung sagen zu können, aber es gibt immer noch eine tiefsitzende Angst, dass die Stadt vielleicht erneut unter Kontrolle der Aufständischen geraten könnte.

“Geben sie (die ukrainischen Behörden) uns die DNR (die selbsternannte Donezker Volksrepublik) nicht zurück?”, fragte die Mutter von Karolina, Natalia Akimowa, 50.

Aber nicht alle hier teilen diese Ansichten.

Wiktor, 64, ein Rentner, der seinen Nachnamen aus Angst vor Vergeltung seitens der neuen Behörden nicht nennen will, glaubt, dass die Unterstützung für die ukrainischen Streitkräfte gegenüber der für die Aufständischen hier “etwa 50 bis 50 (Prozent) ist.”

Viele Menschen in Slowjansk haben jetzt Angst vor der Verhaftung, weil sie in den vergangenen Monaten die Separatisten unterstützt haben, auch wenn die Unterstützung sich auf nicht mehr als ein Päckchen Zigaretten an einem der Kontrollpunkte beschränkt hat. “Ich denke, es ist bösartig, die Kolleginnen und Nachbarn zu beschuldigen”, fügte er noch hinzu.

Aber die Mehrheit der Bewohner kümmert sich jetzt mehr um die Wiederherstellung ihrer Wohnungen und darum, die von ihnen von den Aufständischen beschlagnahmten persönlichen Besitztümer wieder zurückzubekommen.

Eine Gruppe von Frauen mittleren Alters steht am 11. Juli vor der Polizeistation, die zuvor als separatistische Zentrale diente, und hofft, ihre Teppiche von dort wieder zurück zu bekommen.

Im Rathaus wurde ein besonderes Büro für die Wiederbeschaffung eingerichtet, in dem die Bediensteten allerlei Arten von Anträgen der Einwohner annehmen.

Der von einem halben Dutzend bewaffneter Leibwächter umgebene Serhyj Taruta, Gouverneur der Oblast Donezk, kam am 9. Juli mit seinem Stellvertreter Andryj Nikolajenko nach Slowjansk, um sich die Bedürfnisse der Einwohner anzuhören. Die meisten verweisen in erster Linie auf die dringende Notwendigkeit nach Strom und fließendem Wasser.

“Bis Ende der Woche werden Sie wieder Strom in der ganzen Stadt haben, und das Wasser wird auch bis zum Wochenende wieder fließen”, sagt Nikolajenko, der für den Wiederaufbau der Stadt zuständig ist, den Bewohnern bei seinem Besuch. Etwa ein Dutzend Bewohner um ihn herum scheint nicht sehr überzeugt davon zu sein.

Taruta seinerseits rät zu hochwertigeren Reparaturen an den Häusern. “Sie sollten nicht nur neues Fensterglas einsetzen, sondern die gesamten Fensterrahmen aus Metall oder Kunststoff einbauen, da sie damit Wärmeverluste in Ihrem Haus vermeiden und außerdem Geld sparen,” sagte er den Einwohnern.

Etliche Bewohner sorgen sich um ältere Menschen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen, die ihre Häuser nicht ohne Hilfe verlassen können. “Wann werden Sie sich um diejenigen Menschen kümmern, die bettlägerig sind und nicht aus ihren Häusern können, wann beginnt die humanitäre Hilfe für sie?” fragte Oleg Scharujew, 38, ein Geschäftsmann.

“Bringen Sie mir eine Liste mit den Namen, und wir werden tun, was wir können,” antwortete Nikolajenko.

Während sie über die Unterstützung der Regierung noch skeptisch sind, haben die Menschen auf eigene Faust begonnen, wieder zu einem normalen Leben zurückzukehren. Die ersten Supermärkte und Cafés wurden am 11. Juli wieder eröffnet. Die Stadtbäckerei nahm ihre Arbeit am gleichen Tag wieder auf.

Die Kyiv Post sprach am 10. Juli mit mehreren Bewohnern, als sie nach mehreren Wochen Aufenthalt im benachbarten Swjatohirsk ihre Autos entluden. “Wir sind froh, zurück zu sein, natürlich, aber wir haben noch jede Menge Renovierungsarbeit zu machen,” sagte ein Mann.

Viele Menschen sind hier völlig desillusioniert über ihre ehemaligen Politiker und haben noch kein Vertrauen in die neuen. Nelja Schtepa, die ehemalige Bürgermeister der Stadt, die zuerst die separatistische Bewegung unterstützte, bevor sie von den Aufständischen als Geisel gehalten wurde, wurde von ukrainischen Strafverfolgungsbehörden am 11. Juli wegen Unterstützung des Separatismus festgenommen.

“Schtepa hat unsere Stadt verraten,” sagte Natalia Akimowa.

Quelle: http://www.kyivpost.com/multimedia/photo/slovyansk-355743.html