Edward Lucas: Putins Verteidiger im Westen ignorieren diejenigen, die Russland am besten kennen

2014/05/11 • Deutsch

Der estnische Postimees auf Englisch – 8.5.2014 (Übersetzung)
Edward Lucas ist Redaktionschef für Umwelt, Wirtschaftsgüter und natürliche Ressourcen bei der britischen Wochenzeitung “Economist”

Edward Lucas

Sanktionen funktionieren bei Russland nicht: Es ist zu groß, zu reich und sehr auf sich selbst konzentriert. Und wenn sie eingeführt werden, sind sie ohnehin scheinheilig, denn China ist ja noch schlimmer. Der Westen wird am Ende dabei einen Deal machen, so dass wir uns genausogut auch jetzt schon Gedanken darüber machen können. Jedes Gespräch mit dem Regime von Wladimir Putin, dem russischen Präsidenten, kann unangenehm sein. Nicht zu reden wird allerdings verheerende Folgen haben.

So lauten die Argumente derjenigen, die glauben, dass die westliche Politik in Bezug auf die Ukraine grundlegend verkehrt ist, ein Teil einer Spur von Fehlern der letzten 25 Jahre. Wir haben nicht erkannt, dass das moderne Russland ein völlig anderes Land als die Sowjetunion ist. Indem wir Russland als Feind behandelt haben – es erniedrigt, eingeschränkt und ignoriert haben – haben wir es geschafft, es zu einem zu machen.

Die Geschichte lehrt eine andere Interpretation. Wir haben Russland in den letzten 25 Jahren eben nicht gedemütigt. Wir haben uns verbogen, um ihm zu schmeicheln, es zu ermutigen und zu beruhigen. Wir haben in den 1990er Jahren Russland mit Geld übderschüttet, um zu versuchen, eine durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ruinierte Wirtschaft zu retten. Wir brachten Russland in die G8 und den Europarat und in das Wartezimmer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, obwohl es weit von der Erfüllung der Normen und Werte einer dieser Organisationen entfernt war. Kurz: wir haben versucht, nett zu sein. Es hat nicht funktioniert.

Ja, die NATO und die Europäische Union haben sich erweitert – aber nicht als Teil einer Macherweiterung. Die exkommunistischen Länder waren verzweifelt bemüht, sich zu anzuschließen. Die Geschichte hat ihnen die Gefahr gelehrt, von Entscheidungen über ihre Zukunft ausgeschlossen zu sein. Und die Ereignisse der letzten Monate haben gezeigt, wie recht sie hatten. Glaubt jemand wirklich, dass die Republik Moldau auf Grund ihrer neutralen Haltung in einem besseren Zustand ist?

Einige Kommentatoren, wie mein Freund Peter Hitchens, argumentieren, baltischen Staaten hätten sich durch den NATO-Beitritt selbst gefährdet. Aber wenn Ihr Nachbar ist so jähzornig ist, dass er versucht, ihnen die Installation einer Alarmanlage zu verbieten, ist das nicht ein besonders guter Grund, genau das zu wollen? Wenn Russland die Sicherheitsbedenken seiner Nachbarn ernst genommen und versucht hätte, sie zu beschwichtigen, hätte sich die NATO nie vergrößert. Es hätte gut gelöst werden können.

Das eigentliche Problem mit Russland liegt nicht darin, dass die Außenwelt es misshandeln, sondern dass es mit der Außenwelt nicht umgehen kann. Der Kreml (und leider auch ein großer Teil des russischen Volkes) haben die zaristische Geschichte des Landes noch nicht überwunden. Für die meisten post-kolonialen Länder, ergibt sich aus der Geschichte Verantwortung, nicht aber Rechte. Aber Russland will gar keine Versöhnung mit den Ländern, dass es und die Sowjetunion in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten besetzt und traumatisiert hatten. Es will, dass sie sich benehmen. Und wenn sie sich nicht benehmen, versucht es, sie zu untergraben.

Ich habe gerade den lobenswerten Jahresbericht der estnischen Sicherheitspolizei (verfügbar unter https://www.kapo.ee/eng/annual-reviews) gelesen. Seine lakonische Prosa gibt einen alarmierenden Einblick in das Leben an der Front Europas. Er zeigt die Art und Weise auf, in der verschiedene vom Kreml unterstützte Organisationen versuchen, unter den Esten russischer Abstammung Ärger zu machen – inklusive der Organisation von paramilitärischen Sommerlagern, eines davon der GRU (dem russischen Militärgeheimdienst) gesponsort, bei denen alles gelehrt wird über Propaganda-Fähigkeiten bis hin zu Medizin bei einem Kriegseinsatz. Ähnliche Bemühungen sind in Lettland zu beobachten.

Wenn Russland wirklich eine missverstandene, aber im Wesentlichen friedfertige Macht wäre, die nur auf unerträgliche Provokationen reagiert, warum schürt es dann in den baltischen Staaten schon seit so vielen Jahren den Ärger? Diese Länder, die Russland besser als jeder Westler kennen, haben ihr Bestes getan, um uns zu warnen – und im Gegenzug wurden sie systematisch bevormundet und ignoriert, nicht zuletzt durch die westlichen Russland-Experten, die über das Land, das sie angeblich studieren, in jeder Phase falsch gelegen haben.

Quelle: http://news.postimees.ee/2787688/edward-lucas-putin-s-defenders-in-the-west-ignore-those-who-know-russia-best

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  • justice

    Weshalb sollten EU-Länder keine NATO-Mitgliedsstaaten sein dürfen?

    Das Recht auf nationale Selbstverteidiung ist als ebenso natürlich anzusehen, wie die Freiheit jedes Individuums, sich in Kampfkünsten zu üben und erworbene Fähigkeiten im Notfall unter der Maßgabe des Verhältnismäßigkeitsprinzips anzuwenden.

    Gerade die leidvollen Erfahrungen und die Mahnungen ehemaliger Sowjet-Staaten, bieten eine wichtige Quelle von Informationen, um sich gegen das repressive Weltbild der Kreml-Führung schützen zu können. Man es sogar als verantwortungslos und grob leichtsinnig bezeichnen, die aufrüttelnden Zeichen der Zeit (Ukraine-Krise) aus einer Haltung bürokratischer Trägheit verharmlosen zu wollen. Der Wille zur Zusammenarbeit Russlands Opferländer mit der Europäischen Union zur Wahrung von Frieden und Stabilität, sollte m. E. mehr Wertschätzung erfahren.