Boris Reitschuster: Offener Brief an ZAPP/ARD

2014/04/18 • Deutsch

Boris Reitschuster, deutscher Journalist und Putin-Biograph:
Offener Brief an ZAPP/ARD
zur Sendung http://www.ardmediathek.de/ndr-fernsehen/zapp/immer-auf-putin-breite-kritik-an-medien?documentId=20845808

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in 16 Jahren Moskau hatte ich beim Betrachten des russischen Fernsehens regelmäßig den Eindruck, ein völlig irreales, verzerrtes Bild der Realität vorgespiegelt zu bekommen, und fühlte mich wie in einem Kafka-Roman (http://on.fb.me/1eQ07cg).

Bei Ihrem Beitrag “Immer auf Putin” ging es mir jetzt in der ARD so.

Sie klagen in dem Film über Verletzung journalistischer Grundsätze – und verletzen diese selbst:

1.) Sie lassen nur Vertreter Ihrer These, die deutschen Medien berichteten einseitig, zu Wort kommen. Gegner dieser These werden nicht befragt. Dabei gibt es diese zuhauf. Mir etwa fällt seit Wochen auf, wie breiten Raum die Moskauer Propaganda in unserer Berichterstattung erhält und wie sie oft nicht hinterfragt wird.

2.) Sie haben nicht gründlich recherchiert. Sie erwecken den Eindruck, die Zuschriften mit Klagen über antirussische Berichterstattung gäben ein Stimmungsbild der Bevölkerung wieder. Dabei gibt es gibt zahlreiche Berichte über Manipulation von öffentlicher Meinung durch die Steuerung von Leserzuschriften und Kommentaren im Internet, auch darüber, dass just der Anlaß für Ihren Bericht die Folge einer zweifelhaften Aktion ist:http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/facebook-spam-bei-deutschen-medien-unter-namen-anonymous-a-964869.html).

3.) Gabriele Krone-Schmalz, die als eine Art Kronzeugin für Ihre Thesen auftritt, war mehrfach mit Vorträgen und Moderationen für kremlnahe Unternehmen tätig, darunter Wingas, eine Beteiligung von Gasprom. Auf diesen Interessenkonflikt hätten Sie aufmerksam machen müssen.http://www.focus.de/kultur/medien/media-box-christiansen-streit-skandal-oder-rufschaedigung_aid_219286.html

4.) In der Sendung wird der Vorwurf erhoben, die Talkshows im öffentlich-rechtlichen seien einseitig kremlkritisch. Das Gegenteil ist der Fall. Mehrfach wurden Kremlkritiker ausgeladen, auf Wunsch kann ich Ihnen gerne konkrete Beispiele nennen; andere renommierte Kreml-Kritiker kommen erst gar nicht zu Wort. Oft ist das Verhältnis von Putin-Unterstützern und Putin-Kritiker 3:1, wenn überhaupt. Der ukrainische Botschafter kam nie in einer Talkshow zu Wort, trotz zahlreicher Versuche, während sein russischer Kollege oft gehört wurde. In vielen Talkshows kommen keine Ukrainer zu Wort, während Vertreter des Kreml-Propaganda-Apparats ein Forum erhalten, ohne als solche kenntlich gemacht zu werden. All das erwähnen Sie nicht.

Ich hoffe, Sie stellen Ihre Fehler richtig und machen demnächst einen Beitrag, bei dem Sie auch die Gegenseite zu Wort kommen lassen. Und vielleicht auch andere Perspektiven eröffnen: Etwa mit einer Diskussion darüber, welche besonderen Herausforderung für Medien besteht im Umgang mit einem diktatorischen Regime, das Gewalt im Inneren wie Äußeren einsetzt und auf massive Propaganda setzt. Hier wäre dann etwa die Frage zu erörtern, wie die Abwägung ausfallen kann zwischen Ausgeglichenheit und der Gefahr, sich durch Propaganda instrumentalisieren zu lassen.

Als Moskau-Korrespondent mit 16 Jahren Erfahrung vor Ort, der sich intensiv mit Manipulationen der öffentlichen Meinung durch den Kreml und Propaganda befasst (und dafür mit dem Tode bedroht und regelmäßig angegriffen wird) stehe ich Ihnen gerne für Auskünfte zur Verfügung.

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  • Alex

    Aha… und Boris Reitschuster ist neutral und unvoreingenommen?

  • justice

    An welcher Stelle ist Herr Reitschuster nicht neutral und unvoreingenommen?

    • micha

      An jeder Stelle.

      • justice

        Stimmt, manche Männer machen alles falsch! :-)))
        … und Herr Putin ist die Verkörperung des sowjetischen Übervaters.

  • micha

    Als Moskau-Korrespondent mit 16 Jahren Erfahrung vor Ort, der sich intensiv mit Manipulationen der öffentlichen Meinung durch den Kreml und Propaganda befasst (und dafür mit dem Tode bedroht und regelmäßig angegriffen wird) stehe ich Ihnen gerne für Auskünfte zur Verfügung.

    ——-

    Das ist ein Widerspruch in sich: Wäre Russland diktatorisch, so würden sie dort nicht mit Sicherheit “16 Jahren Erfahrung vor Ort” sammeln.

    Man hätte sie bereits am Flughafen nach Hause geschickt.

    • justice

      Eine höchstwahrscheinliche Erklärung: Man kann 16 Jahre Erfahrungen vor Ort sammeln, darf diese aber nicht veröffentlichen.

  • micha

    Ich hoffe, Sie stellen Ihre Fehler richtig und machen demnächst einen Beitrag, bei dem Sie auch die Gegenseite zu Wort kommen lassen.

    ——-

    Wir sind nicht in der Schule und sie sind kein Lehrer. Wer hat Ihnen das Recht gegeben von “Fehlern” zu reden? Wer entscheidet was ein Fehler ist? Sie?

    Sie haben 15 Jahre regelmäßig Russland besucht – ich habe dort GELEBT. Jetzt lebe ich in Deutschland und kann beide “Seiten” vergleichen.

    Und übrigens: Das was Sie fordern, nennt sich Zensur.

    • justice

      Jeder entscheidet für sich, was er/ sie für richtig und falsch halten, vor allem dann, wenn nur eine Alternative zutrifft.

      Persönliche Vergleiche sind immer subjektiv ausgerichtet.

      Nicht Zensur, sondern das individuelle Setzen von Prioritäten.

  • micha

    …hatte ich beim Betrachten des russischen Fernsehens regelmäßig den Eindruck, ein völlig irreales, verzerrtes Bild der Realität vorgespiegelt zu bekommen

    ——-

    Willkommen im Club!

    Ich habe das gleiche Gefühl wenn ich in den deutschen Medien etwas über die Griechenlandkrise, Einwanderung, EU-Politik, Nato-Einsätze, etc. lese.

    Besonders interessant fand ich die Berichtserstattung über die Ereignisse vom 08.08.2008 in Südossetien. Wenn Sie 15 Jahre Russlanderfahrung haben, dann wissen Sie auch sicherlich was ich meine.

  • micha

    Bei Ihrem Beitrag “Immer auf Putin” ging es mir jetzt in der ARD so.

    ——

    Schön! Und mit gings ganz anders.

    Ist doch schön, dass wir alle so unterschiedlich sind. Ein Zuschauer findet die Sendung peinlich, der andere findet sie interessant – wo ist das Problem?

    Oder denken Sie, dass es bei Ihren Büchern anders ist?

  • micha

    Sie lassen nur Vertreter Ihrer These, die deutschen Medien berichteten einseitig, zu Wort kommen.

    ——–

    Sie stört, dass in dieser Sendung (angeblich) andere Seite nicht gezeigt wurde.

    Mich stört dagegen, dass sie vorgelegte Fakten als eine “These” abstempeln.

    Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Gehen Sie z.B. auf Welt.de und geben Sie dort “Putin” in das Suchfeld ein. Danach lesen Sie die Überschriften von veröffentlichten Artikeln.

    Dann gehen Sie z.B. auf Lenta.ru und geben Sie dort “Merkel” ein.

    Und dann vergleichen Sie die beiden Suchergebnisse. (Wenn Sie dort zu Fr. Merkel überhaupt was finden werden)

    • justice

      Welche Fakten meinen Sie?

      Es gibt nicht nur eine Suchmaschine im Internet.

  • micha

    Sie haben nicht gründlich recherchiert. Sie erwecken den Eindruck, die Zuschriften mit Klagen über antirussische Berichterstattung gäben ein Stimmungsbild der Bevölkerung wieder.

    ———

    Das ist kein Stimmungsbild – das ist die feste Überzeugung der Bevölkerungsmehrheit, die von der Stimmung völlig unabhängig ist.

    Darum auch diese “Informationsflut” über Russland in den Medien. Man informiert nicht die Bevölkerung, man versucht ihre Meinung in die “richtige” Richtung zu lenken.

    Wenn die Mehrheit der Bevölkerung die Meinung vertreten würde, die Sie beschreiben, dann bräuchte man auch die gesamte “Propaganda” über bösen Putin in den Medien nicht.

    Wenn aber jede Onlinezeitung täglich drei / vier Artikeln zum Thema veröffentlicht, dann ist die Situation eindeutig – es hat ein Informationskrieg gegen Russland begonnen und die Bevölkerung soll umerzogen werden.

    • justice

      Diktatur des Proletariats:

      Die Bevölkerung wird auf dümmste Weise kaputt gespielt.

      Willkommen im Kommunismus, Sozialismus, Faschismus, …!

  • micha

    Gabriele Krone-Schmalz, die als eine Art Kronzeugin für Ihre Thesen auftritt, war mehrfach mit Vorträgen und Moderationen für kremlnahe Unternehmen tätig

    ——–

    Versuchen Sie hier gerade diese Frau zu diffarmieren indem Sie nicht auf die von ihr genannte Fakten eingehen, sondern auf sie persönlich? Das ist aber mehr als peinlich.

    • justice

      Ich finde: Es ist peinlich, wenn Sie einen schwerwiegenden Kritikpunkt Herrn Reitschusters als persönlich abwerten, ohne einen aufhellenden Beitrag hierzu leisten.

  • micha

    Mehrfach wurden Kremlkritiker ausgeladen, auf Wunsch kann ich Ihnen gerne konkrete Beispiele nennen; andere renommierte Kreml-Kritiker kommen erst gar nicht zu Wort

    ——-

    Was ist bitte ein “renommierter Kreml-Kritiker”?

    Ein “renommierter Kreml-Kritiker” braucht eine psychiatrische Behanldung und nicht eine Einladung in die Talkshows. Man kann nicht ständig etwas kritisieren – das ist krank.

    • justice

      Ist die permanente und begründete Kritik an Menschen- und Völkerrechtsverletzungen wirklich krank oder fehlt Ihnen der Mut zur Wahrheit?

  • micha

    In vielen Talkshows kommen keine Ukrainer zu Wort, während Vertreter des Kreml-Propaganda-Apparats ein Forum erhalten

    ———

    1) In der Sendung wird die ukrainische Seite stets durch ihre westlichen Aufsichtspersonen vertreten – das ist fair und richtig. Es sind immer die gleichen: Früher besuchten sie Demonstranten auf Maidan – jetzt sitzen sie in den Talkshows.

    2) Welchen Ukrainer wollen Sie in einer deutschen Sendung sehen? Vielleicht den Anführer Rechten Bloks oder der Aufständischen aus der Ostukraine?

    Das ist es ja. Ukraine spricht nicht mehr mit einer Stimme.

    PS: Was ist bitte “Kreml-Propaganda”?

    • justice

      “Propaganda bezeichnet einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion zu steuern.” (Quelle: Wikipedia)

  • Ralf

    Und so was findet sich über einen Link bei den Grünen (Rebecca Harms).
    Inhaltlich Nichts als Verleumdung auf Hörensagen.

  • micha

    PS: Sie fordern Neutralität und eine faire Berichtserstattung. Dieser Forderung kann ich mich nur anschließen und finde, dass wir auf diesem Gebiet so einiges erreichen können.

    Vorallem wenn wir dafür sorgen, dass diese Kriterien als erstes z.B. in Ihren Büchern / Artikeln umgesetzt werden – machen Sie doch den ersten Schritt.

    Glauben Sie mehr, auch Ihnen wird etwas mehr Neutralität und Sachlichkeit nicht schaden.

    • justice

      Für Glaubensfragen sind die jeweiligen eingesetzten Vertreter einer Konfession zuständig. Amen.

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